Erzbischof Makarios III

Er war ein Mann aus Zypern, der Sohn eines Ziegenhirten, ein orthodoxer Erzbischof, eingewoben in einen politischen Konflikt, ein „zu großer Mann für eine kleine Insel“, wie der damalige amerikanische Außenminister Henry Kissinger einmal über ihn sagte. Schwer vorstellbar, was aus Erzbischof Makarios geworden wäre, wenn er die Wahl gehabt hätte. Wenn er nicht auf Zypern geboren wäre, einer Insel, die wenig Perspektiven zu bieten hatte für einen, der sich wohl sein persönliches Lebensmosaik selbst zusammengebastelt hätte – wenn er denn das Thema dieses Mosaiks hätte wählen dürfen. Doch der Sohn eines Hirten hatte diese Wahl nie, nicht auf dieser Insel, nicht in diesen Lebensumständen. Schon ein Blick auf sein Äußeres ist schwer vorstellbar ohne seinen Mantel der orthodoxen Kirche.

Geboren am 13. August 1913 in Pano Panagía sollte Michalis Mouskos nach Abschluss der Dorfschule und dem Tod seiner Mutter eigentlich seinem Vater bei der Viehzucht helfen, aber sein Lehrer bestand darauf: „Der Junge ist zu begabt, um Ziegen zu hüten“. Dem Lehrer waren aber nicht nur Michalis‘ Intelligenz und sein großer Fleiß aufgefallen, sondern auch seine Beharrlichkeit, die sich zum Starrsinn steigern konnte. Fuchsteufelswild soll der kleine Michalis geworden sein, wenn Freunde nicht seinen Vorschlägen folgten. Gemäß des Lehrers Rat wurde er mit 13 Jahren Novize des Klosters Kýkko, besuchte dort die Klosterschule, später das Gymnasium in Nikosía und wurde schließlich nach Griechenland zum Studium geschickt.

Ein typischer Bildungsweg der damaligen Zeit, denn eine Ausbildung gab es seit der Antike in Zypern für Griechen nur durch die Klöster und deren Schulen. Dort wurden das Griechentum bewahrt, der Klerus ausgebildet und die Nöte der Bevölkerung gegenüber den fremden Machthabern formuliert. Von den 1950er bis in die 1970er Jahre war der aufrechte, stolze, stets schwarz gekleidete Makarios ein vertrauter Anblick in den abendlichen Nachrichtensendungen. Zeit seines Lebens liebte er Macht und Pracht: Er ließ sich gerne im Mercedes 600 herumchauffieren und unterschrieb stets mit roter Tinte, ein Vorrecht der zyprischen Kirchenfürsten. Härte, Zähigkeit, aber auch Freundlichkeit und diplomatisches Verhandlungsgeschick seien ihm eigen gewesen, eine Mischung, die Makarios´ Verhandlungspartner oft zur Verzweiflung brachte. Er war ein gewiefter Taktierer, der seine Gegner gegeneinander ausspielen konnte.

Während seiner gesamten politischen Karriere wurde Erzbischof Makarios abgöttisch geliebt, aber auch abgrundtief gehasst. Herny Kissinger mag mit der Äußerung über den zu großen Mann recht gehabt haben, ein Hotelier in Plátres sieht es ähnlich, aber ganz pragmatisch: „Er wollte viel zu viel auf einmal“.

Die Politik Makarios

Als Makarios im Oktober 1950 im Alter von 37 Jahren zum Erzbischof Zyperns gewählt wurde, wurde er nicht nur geistliches, sondern auch politisches Oberhaupt der Zyperngriechen. Seine Funktion der autokephalen (= eigenständigen) Kirche Zyperns als religiöser und politischer Führer in Personalunion entsprach der Weiterführung des ethnarchischen Prinzips der orthodoxen Kirchen während des Osmanischen Reiches.

Makarios’s innenpolitisches Ziel war eine Verringerung des Einflusses, den die türkischen Zyprioten in Verwaltung, Politik und Polizei gemäß der Verfassung hatten. Die türkischen Zyprioten sollten nicht mehr 30 oder 40 % der Posten in der Verwaltung einnehmen, sondern nur noch die 18 %, die ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung entsprachen. Er duldete militärische Maßnahmen gegen türkische Zyprioten und trug so zu den Spannungen bei. Intuition und Launen sollen seine Politik bestimmt haben, eine wenig verlässliche Ausgangsbasis für die türkischen Zyprioten, die sich deswegen in ihre Enklaven zurückzogen. Ob aus Furcht vor Restriktionen oder als Boykott der neuen Republik – ist unklar. Außenpolitisch stand Erzbischof Makarios für die Minderung der wirtschaftlichen Abhängigkeit von Großbritannien. Er war ein glühender Anhänger des ENOSIS-Gedankens, das heißt des Anschlusses der Zyperngriechen ans griechische Mutterland. Auch versprach er dem Volk in seiner Amtsantrittsrede, seinen Augen keinen Schlaf und sich keine Ruhe zu gönnen, „bis der heiß ersehnte Tag der Befreiung“ vom britischen Joch anbreche.

Nachdem seine Interventionen bei den Vereinten Nationen, den USA und in Griechenland ohne Ergebnis waren, befürwortete er den bewaffneten Kampf gegen die Briten. Unter General Grivas begann bald darauf die EOKA den Partisanenkampf gegen die Briten, die deswegen 1956 Makarios auf die Seychellen verbannten. Als er 1959 zurück nach Zypern kam, willigte er 1960 in die Unabhängigkeit Zyperns ein, um nicht die Teilung der Insel zu riskieren. Auch wenn er sich offiziell von dem ENOSIS-Gedanken distanziert hatte, den Führungsanspruch hatte für ihn die orthodoxe Kirche und nicht die „Barbaren aus der asiatischen Steppe“ – die Türken.

Dass die orthodoxe Kirche während der Osmanenherrschaft mit Hilfe der türkischen Inselherren wieder Macht erlangt hatte, spielte dabei für ihn keine Rolle. 1963 verlangte er eine Verfassungsrevision, bei der die Zyperntürken viele ihrer Rechte verloren hätten, es kam zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Griechen und Türken. Makarios hatte viele Gegner, so auch die Amerikaner, die es dem „Castro im Priesterrock“ verübelten, dass er mit der Sowjetunion liebäugelte und das US-Embargo gegen Nordvietnam nicht mittrug.

Auch vereitelte sein Beharren auf Blockfreiheit, Neutralität und Unabhängigkeit alle Versuche, das geostrategisch wichtig gelegene Zypern als Basis für militärische Einsätze im nahöstlichen Krisenherd zu nutzen.

Nach dem Militärputsch 1967 in Athen wandte er sich mehr und mehr von der Idee der ENOSIS ab, da er von einem Zusammenschluss mit einer Militärdiktatur wenig hielt – das führte zu einem zusehends verschlechterten Verhältnis zu den Obristen in Athen.

1974 forderte er den Abzug von 600 griechischen Offizieren, die die Nationalgarde Zyperns kommandierten. Mit Hilfe dieser Nationalgarde putschte Athen gegen den ehemaligen Verbündeten: Makarios konnte nach London fliehen, die Türkei nutzte die Gunst der Stunde und besetzte einen Großteil der Insel militärisch. Nach dem Sturz der Putschisten kehrte Makarios nach Zypern zurück, wo er bis zu seinem Tod am 3. August 1977 Präsident der griechischen Republik Zypern blieb.

Das Grabmal von Erzbischof Makarios III

„Das Herz Zyperns schlägt nicht mehr“, vermeldete der zyprische Rundfunk nach Makarios‘ Tod am 3. August 1977. Mehr als ein halbes Dutzend Mordanschläge waren auf ihn verübt worden, gestorben ist er dann aber doch um 5 Uhr morgens friedlich in seinem Bett. Beerdigt wurde er zwei Kilometer vom Kloster Kýkko auf dem Hügel Throni tis Panagías („Throne der Maria“). Es war der Wunsch des verstorbenen Erzbischofs, dort mit dieser Traumaussicht auf seine geliebte Insel Zypern begraben zu werden.

Erzbischof Makarios Werdegang als Geistlicher begann im Kýkko-Kloster und hier endete er auch. Neben seinem Grab stehen einige der zyprischen „Wunschbäume“, von denen in diesem Buch mehrfach zu lesen ist.



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